„Meine eigene Landkarte zeichnen“ – Zwischen Kulturerbe und Neuanfang

wochenblatt.pl 2 godzin temu
Zdjęcie: Christiane Böhm bei den Hermannstädter Gesprächen. Quelle: Christiane Böhm


Das Entsendeprogramm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) unterstützt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu stärken. Wir sprechen mit den Entsandten über ihre Aufgaben, Ziele und Beweggründe für diese interkulturelle Tätigkeit. Mit Christiane Böhm, Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt, sprach Victoria Matuschek.

Wie bist du zum ifa-Entsendeprogramm gekommen und warum hat es dich ausgerechnet nach Hermannstadt verschlagen?

Auf das ifa-Entsendeprogramm bin ich durch eine Stellenausschreibung aufmerksam geworden. Aber natürlich steckt auch ein persönlicher Bezug dahinter: Hermannstadt ist die Stadt, in der meine Eltern studiert haben. Ich bin selbst in Siebenbürgen geboren und mit meiner Familie nach dem politischen Umbruch, dem Sturz von Ceaușescu, ausgewandert. Ich gehöre also zur deutschen Minderheit, auch wenn ich mich deutlich in Deutschland sozialisiert fühle.

Vor allem zu Beginn meines Studiums habe ich Rumänien häufiger allein bereist. Ich war neugierig auf dieses Land, das ich nur aus Erzählungen kannte, die meistens vor den Karpaten aufhörten. Deshalb war mein erstes Ziel auch Bukarest – vor allem wegen des Regierungspalastes, der mich gleichermaßen fasziniert und abgeschreckt hat. So habe ich das Land einerseits durch Reisen, andererseits durch mein Kunstwissenschaftsstudium erschlossen, in dem ich mich zunehmend mit künstlerischen Strömungen in Osteuropa beschäftigt habe.

Mit der Zeit wuchs der Wunsch, einmal in meinem Geburtsland zu leben und zu arbeiten – und zwar im Kulturbereich, inhaltlich nah an meiner Ausbildung, bisherigen beruflichen Stationen und meinen Interessen. Die ifa-Ausschreibung kam also wie ein Kairos-Moment. Ich dachte: Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und bewerbe mich jetzt einfach mal. Und nun bin ich seit fast einem Jahr hier.

Christiane Böhm bei den Hermannstädter Gesprächen zum Thema Identität, Herkunft und „Wurzeln“.
Quelle: Christiane Böhm

Wir kommen später noch auf deinen Bezug zu Sprache und Identität zurück, aber zunächst interessiert mich dein Arbeitsalltag. So etwas wie Routine gibt es ja im ifa-Programm kaum. Wie gestaltest du deine Aufgaben beim Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt?

Ich bin als Kulturmanagerin tätig und führe klassische Projektmanagement-Aufgaben durch. Das umfasst typischerweise die Phasen der Initiierung, Planung, Durchführung, Überwachung und Steuerung sowie den Abschluss eines Projekts – in aller Kürze. Für mich war es hier in diesem ersten Entsendejahr am Forum sehr hilfreich, dass es etablierte Formate gibt, wie zum Beispiel die Diskussionsreihe der „Hermannstädter Gespräche“ – ein Format, das es seit über 15 Jahren gibt. Es ist strukturell gefasst, lässt aber thematisch viel Raum. Ich konnte eigene Vorschläge einbringen und bekam inhaltlich viel gestalterische Freiheit.

Bis jetzt habe ich drei Veranstaltungen in dieser Reihe umgesetzt: Einmal zum Thema Identität, Herkunft und dem Begriff der „Wurzeln“, dann ein Gespräch zum 80. Jahrestag der Deportation von Rumäniendeutschen nach Russland – diesmal aus Sicht der Kindergeneration. Zuletzt ging es um das Thema Arbeitsmigration. Dabei versuche ich immer, nicht nur Themen der deutschen Minderheit aufzugreifen, sondern auch den Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft anzuregen. Häufig gibt es Simultanübersetzung – ein guter Rahmen für Verständigung.

Daneben habe ich die Chance, auch eigene Akzente zu setzen: So habe ich aus meinem kunstwissenschaftlichen Hintergrund heraus und weil ich davor mehrere Jahre im Ausstellungsbereich gearbeitet habe, die Hermannstädter Gespräche mit einem Begleitprogramm ergänzt, das künstlerisch ausgerichtet ist. Zum Thema Deportation habe ich beispielsweise eine Textilarbeit von Lilian Theil und ein Marmorrelief von Peter Jacobi aus der Stadtpfarrkirche einander gegenübergestellt. Daraus ist ein „Kunst.Dialog“ entstanden: ein assoziatives Gespräch mit den Teilnehmenden. Den Verlauf des Gesprächs habe ich mit Zahlen, Fakten und Anekdoten aus vorausgegangenen Gesprächen mit den Künstler:innen ergänzt, aber es war mir wichtig, nicht als Expertin aufzutreten, die referiert, sondern das wirklich dialogisch anzulegen. Dieses Format möchte ich im nächsten Jahr unbedingt noch weiter ausbauen.

Christiane Böhm eröffnete mit Werken von Lilian Theil und Peter Jacobi einen dialogischen Raum über das Thema Deportation.
Foto: Beatrice Ungar

Du hast die Jugend angesprochen. Wie erlebst du die Arbeit mit jungen Menschen in Hermannstadt? Gibt es noch ein Bewusstsein für die deutsche Minderheit, auch sprachlich?

Meine Sicht ist natürlich subjektiv, aber ich nehme Hermannstadt als einen Ort wahr, in dem die deutsche Minderheit trotz ihrer zahlenmäßigen Größe – in Bezug auf die Gesamtbevölkerung in der Stadt liegt diese bei etwa einem Prozent – sehr präsent und aktiv ist. Besonders in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen engagieren sich junge Menschen, insbesondere auf der Leitungsebene, die zur deutschen Minderheit gehören – etwa bei der Leitung der Tanzgruppe oder in der Organisation von Jugendangeboten.

Gleichzeitig sehe ich viele Jugendliche, die Deutsch lernen, wie beispielsweise am Brukenthal-Gymnasium, unabhängig von einer familiären Zugehörigkeit. Für viele ist es ein Sprungbrett – für ein Studium oder eine Zeit im Ausland. Die Motivation ist dabei oft pragmatisch. Ob sie sich auch mit deutscher Kultur identifizieren, ist für mich schwer zu sagen. Sie lernen sie aber auf jeden Fall kennen, allem voran über den Erwerb der deutschen Sprache.

Einen Beitrag leistet das Forum über die Nachwuchsförderung: Hier gibt es ein Praktikumsformat, das sich „Juniorbotschafter“ nennt. Aktuell arbeiten Anna und Celia mit – sehr engagierte Jugendliche. Sie begleiten Veranstaltungen, betreuen den Social-Media-Auftritt, bringen sich mit eigenen Vorschlägen ein, und wir haben sogar ein Nachgespräch mit der Regisseurin Laura Capatana Juller über ihren Dokumentarfilm „Aici… adică acolo“, der als Begleitformat zu einem Hermannstädter Gespräch gezeigt wurde, gemeinsam moderiert. Das Ziel ist, ihnen Einblicke in die Forumsarbeit zu geben und sie zu ermutigen, sich selbst aktiv einzubringen – mit Blick auf die Minderheit, aber auch auf Deutschland aus einer anderen Perspektive. Dass eine der beiden nun ihre Praktikumszeit verlängern möchte, ist für mich ein Beweis, wie wichtig und empowernd dieses Programm ist und dass es ein Interesse an der Minderheit auch in der jungen Generation gibt.

Und das ist ja auch das Schöne an der Arbeit: wenn solche Projekte etwas in Bewegung setzen. Gab es für dich ein besonders prägendes Erlebnis, das dir gezeigt hat, wie wichtig deine Arbeit vor Ort ist?

Ich habe das Gefühl, dass alle Angebote, die ich gemacht habe, größtenteils auf offene Ohren gestoßen sind – dass da Neugierde vorhanden ist. Vielleicht, weil ich einen anderen Zugang wähle, Themen anders artikuliere.

Das Theaterprojekt „Spiele(n) im Olymp“, bei dem die Schüler:innen der Klasse IX vom Andrei-Șaguna-Lyzeum sich auf zeitgemäße Weise mit griechischer Mythologie befasst haben, haben sie selbst auf Deutsch entwickelt und aufgeführt. Es handelt sich dabei um eine Kooperation, die meine Vorgängerin Anne Herrmann initiiert hatte, und zwar mit dem Kinder- und Jugendtheater GONG, an die ich anknüpfen konnte. Das war sprachlich und performativ herausfordernd – aber auch eine sehr positive Erfahrung, die weiterträgt und zur weiteren Beschäftigung mit der Sprache anregen kann.

Dieses Projekt ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Philip Klein, ifa-Redakteur in Temeswar, bereitet gerade einen Radiobeitrag mit der Jugendwelle darüber vor, und Anna und Celia haben Interviews mit Teilnehmenden geführt. Und was ich besonders toll fand, war die Rückmeldung von zwei Schülerinnen, die beide unabhängig voneinander gesagt haben, dass das Projekt für sie als Klasse sehr gemeinschaftsstiftend war.

Und ich glaube, es braucht mehr von diesen Projekten, in denen es um den Gemeinschaftsgedanken, die Stärkung von Toleranz und Vielfalt geht – nicht mit dem Anspruch, in zweieinhalb Monaten perfekte Jungschauspieler:innen auszubilden. Es braucht einen Ort und Offenheit für Experimente und ein Ausprobieren. Das ist auch etwas, was ich ins nächste Jahr mitnehmen werde: noch experimentierfreudiger zu arbeiten.

„Spiele(n) im Olymp“ brachte Neuntklässler:innen auf Deutsch und kreativ mit griechischer Mythologie auf die Bühne – in Kooperation mit dem Jugendtheater GONG.
Foto: Ovidiu Matiu

Du hast ja auch familiäre Wurzeln in der Region. Hat dein Aufenthalt in Hermannstadt etwas daran verändert, wie du deine eigene Identität siehst – zwischen Kulturen, Sprachen, Zugehörigkeiten?

Mein erster Gedanke ist: Du kannst deiner Herkunft nicht entkommen – und das ist nicht negativ gemeint. Die Sicht meiner Eltern auf die Welt, ihre Erfahrungen mit Auswanderung und Neubeginn, haben mich selbstredend geprägt. Andererseits habe ich auch ganz bewusst entschieden, eigene Positionen einzunehmen.

Die siebenbürgische Kultur war zwar während meines Aufwachsens durch bestimmte Dinge präsent – allem voran das Essen. Andererseits bin ich in Niedersachsen aufgewachsen – fernab der siebenbürgisch-sächsischen Community. Mit vielen Bräuchen oder einer lebendigen Gemeinschaft bin ich nicht groß geworden.

Hier merke ich ganz deutlich, dass ich in einer anderen Gesellschaft sozialisiert bin, in der der Individualgedanke stärker ausgeprägt ist. Das Selbstverständnis als Minderheit, der Kollektivgedanke und auch diese Sonderstellung, die man als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft hat, kann ich auf einer intellektuellen Ebene begreifen, aber emotional ist das für mich abgeschnitten. Und das ist für mich auch okay so.

Gerade die Gespräche, die ich jetzt mit meinen Eltern führe, sind sehr bereichernd. Ich war noch klein, als wir ausgewandert sind, habe keinen aktiven Erinnerungsschatz, den ich überschreiben könnte. Als sie im Sommer hier waren, sind sie zwei Wochen durch die Stadt gelaufen und haben dabei ständig Vergleiche angestellt: „Damals war es so, heute ist es so.“ Dadurch lerne ich auch mich und meine Familie neu kennen. Für mich ist es nahezu ein weißes Blatt, das ich so gut es geht bemale – meine eigene Siebenbürgen-Landkarte, mit der Tonalität der Erinnerungen meiner Familie im Ohr und meiner ganz persönlichen Handschrift.

„Es geht nicht darum, perfekte Jugendschauspieler:innen auszubilden – sondern Räume fürs Ausprobieren zu schaffen.“

Das ist eine sehr schöne Metapher – das weiße Blatt, das du nun mit eigenen Farben füllst. Was würdest du Menschen mitgeben, die sich für Hermannstadt oder die Region interessieren? Was macht den Ort besonders?

Hermannstadt hat ein charmantes mittelalterliches Stadtbild. Dazwischen finden sich immer wieder nicht restaurierte Gebäude, die von der Geschichte erzählen – zum Glück! Erst das macht die Stadt lebendig und zeugt von Wandel und Veränderungen, nicht eine geleckte Oberfläche. Bei gutem Wetter hat man einen wunderbaren Blick auf die Karpaten. Dann höre ich die Berge förmlich rufen und kriege Lust, die Wanderstiefel zu schnappen und in die Natur zu gehen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was ist dein Lieblingsgericht der Region?

Was ich sehr gerne mag, ist Mămăligă cu brânză, das ist Maisbrei mit Käse, am liebsten mit Schafskäse. Oft wird auch saure Sahne hinzugefügt. Oder aber – ich bin auch ein großer Suppenfan – Ciorbă de fasole boabe, eine Bohnensuppe mit diesen dicken weißen Bohnen. Dazu rote Zwiebeln und ein, zwei Scheiben frisches Brot. Ein Traum! Das sind für mich zwei Wohlfühlgerichte.

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