Bücher des VdG: „Sie brachten uns die Freiheit“

wochenblatt.pl 2 godzin temu
Zdjęcie: Elisabeth Kwapis’ autobiografisches Buch Sie brachten uns die Freiheit schildert eindrucksvoll das Leid deutscher Zivilistinnen in oberschlesischen Nachkriegslagern. Foto: Victoria Matuschek


Ein Beitrag zur verdrängten Nachkriegsgeschichte Oberschlesiens

Elisabeth Kwapis’ autobiografisches Werk „Sie brachten uns die Freiheit“, erschien 2021 in der Buchreihe „Kleine Bibliothek des VdG“ und ist ein seltenes, bewegendes Zeitzeugnis über das Leben einer jungen deutschen Frau im Nachkriegspolen. Es schildert mit großer Eindringlichkeit die Erfahrungen der Autorin als Zivilistin in Gefangenenlagern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Autorin, selbst Oberschlesierin, berichtet von ihrer Inhaftierung – zunächst in einem Gefängnis für deutsche Frauen, dann im berüchtigten Straflager Myslowitz. Von dort entkommt sie nur knapp, indem sie sich freiwillig für die Arbeit im Bergwerk Renard meldet – ein Unterlager, in dem sie unter schweren Bedingungen als Küchenhilfe tätig ist. Insgesamt verbringt sie fast ein Jahr in Gefangenschaft, bevor sie freikommt – in eine Freiheit, die eine neue Form der Verfolgung bedeutet: „Ein neues Leben begann – ein neuer Abschnitt einer Freiheit, die sozialistisch geprägt war; ein neuer Abschnitt der Verfolgung – außerhalb des Stacheldrahts, aber hinter dem Eisernen Vorhang.“

Zwischen Gefangenschaft und Freiheit

Ein zentrales Motiv der Biografie ist die Paradoxie der sogenannten Befreiung. Für Elisabeth Kwapis war die Niederlage des Dritten Reichs nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Gewalt, sondern mit einer neuen Phase der Entmündigung. „Freiheit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit – Wörter, die aus dem Wortschatz gestrichen wurden“ – so beschreibt sie den Zustand vieler Deutscher nach 1945. Die Erfahrung zeigt sich in drastischen Worten: „Unsere nächsten Befreier, die Sowjets, trieben die Deutschen in Richtung Westen. […] Sie befreiten uns vom Naziregime, von Hab und Gut – und von der Freiheit. Nach den Russen kamen die Polen und vollendeten das Werk der Befreiung.“

Der Aufenthalt im Lager Myslowitz, das sie als „Endstation, Entsorgungsstelle für Deportierte“ bezeichnet, wird zur Hölle auf Erden. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, das Lager eine Zone völliger Entmenschlichung: „Nie etwas Lebendiges ist herausgekommen, nicht mal eine Maus… und diejenigen, die dort waren, sahen Menschen nicht mehr ähnlich…“

Elisabeth Kwapis’ autobiografisches Buch Sie brachten uns die Freiheit schildert eindrucksvoll das Leid deutscher Zivilistinnen in oberschlesischen Nachkriegslagern.
Foto: Victoria Matuschek

Fragen von Schuld und Gerechtigkeit

Kwapis stellt sich in ihrem Werk auch der komplexen Frage nach Schuld und Vergeltung. Ohne die deutsche Verantwortung für den Holocaust zu relativieren, fordert sie eine differenzierte Sicht auf die Nachkriegsverbrechen:
„Es geschah viel Unrecht auf beiden Seiten.“ – „Wir wollten keine Vergeltung. Wir wollten freien Abzug nach Deutschland. Polen durfte meinetwegen alles behalten – nur uns sollte man freigeben.“

Die kollektive Bestrafung deutscher Zivilist:innen, insbesondere in Oberschlesien, wo viele schon vor dem Krieg lebten und keine aktive Rolle im NS-Regime spielten, ist ein durchgehendes Thema: „Ganz Oberschlesien, insbesondere Ost-Oberschlesien – ein einziges großes Konzentrationslager.“

Identität, Verlust und Nachkriegsheimat

Die Autorin beschreibt eindrucksvoll, wie tief die Nachkriegserfahrungen das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit erschütterten: „Gab es sie noch, die Heimat? Fremde Völker zertrampelten sie, entweihten, was uns heilig war, entwerteten, was uns teuer war, vertrieben uns, nahmen uns gefangen, deportierten uns in Lager…“

Die wahre Befreiung blieb vielen versagt – hinter Stacheldraht und dem Eisernen Vorhang begann eine neue Phase der Verfolgung.

Auch nach der Entlassung bleibt die Vergangenheit in ihr lebendig – als Trauma, das sie nicht loslässt: „Niemals habe ich mich ganz von Sosnowiec (Sosnowitz) lösen können, denn dort ist ein Teil meiner Persönlichkeit und meiner Seele zurückgeblieben. Nie mehr wurde ich mir so ganz wiedergegeben.“

Fremdenhass und Ambivalenz: Zwischen Verachtung und Nähe

Elisabeth Kwapis zeigt in ihrer Biografie eine tief ambivalente Beziehung zu ihren polnischen Mitmenschen. Während sie über Demütigungen und Schikanen durch Lagerpersonal und Offiziere berichtet, entstehen gleichzeitig auch zarte, zwischenmenschliche Begegnungen, die das Schwarz-Weiß-Bild von „Täter“ und „Opfer“ durchbrechen.

„Die verdammten Schwaben haben nichts zu fragen und sollen Polnisch sprechen“, sagt ein polnischer Lageroffizier – ein Ausdruck kollektiven Hasses auf alles Deutsche. Und dennoch: „Einige der Polen im Lager begehrten sie, nannten sie ‚Lieschen‘.“
Kwapis schildert eindrücklich, wie individuelle Beziehungen trotz kollektiver Stigmatisierung entstehen können – und verweist auf die Komplexität menschlicher Begegnungen in extremen Lagen. Ihr Fazit: „Das Leben ist eine Summe von Widersprüchen und Gegensätzen…“

Kwapis zeigt mit ihrer Biographie, wie sich hinter der vermeintlichen Befreiung eine neue Realität aus Verfolgung, Identitätsverlust und moralischer Ambivalenz offenbarte.
Foto: Victoria Matuschek

Zwangspolonisierung und Identitätsverlust

Neben Gefangenschaft und Hunger beschreibt die Autorin ein weiteres traumatisches Erlebnis: die systematische Zwangspolonisierung der deutschen Bevölkerung Oberschlesiens nach 1945. Sprache, Namen, kulturelles Selbstverständnis – all das wird den Menschen nach und nach genommen: „Deutsch zu sein innerhalb der Grenzen von 1938, das war selbstverständlich; Deutsch zu bleiben im abgetrennten Oberschlesien war ein Verbrechen […]“

Die Zwangspolonisierung zielt nicht nur auf Assimilation, sondern auf die Auslöschung einer kollektiven Identität: „Man wollte uns mehr nehmen als Besitz und Freiheit: unsere Identität.“ Dieser Identitätsverlust geht bei Kwapis einher mit einer tiefen existenziellen Verunsicherung: „Gab es sie noch, die Heimat?“ – eine Frage, die unbeantwortet bleibt.

Erinnerungspolitik, Schuld und Rache

Einen mutigen Beitrag leistet Kwapis auch zur erinnerungspolitischen Debatte: Sie beschreibt die verdrängte Opfererfahrung deutscher Zivilist:innen, ohne die deutsche Schuld am Holocaust zu relativieren. In ihrem Buch wird deutlich, dass die Erinnerung an Leid universell sein muss – ohne Hierarchie der Opfergruppen: „Wer trug die Schuld an dem gegenseitigen ‚Sich-Bekämpfen‘, an Mord…“ Die Autorin thematisiert die Rachsucht mancher polnischer Täter offen: „Ein Pole gestand einmal meinem Vater, er werde sich an seinem Nachbarn nicht rächen, er werde nur sein Haus in Brand stecken.“

Doch Kwapis setzt dem bewusst ein ethisches Gegenbild entgegen: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem… wir wollten keine Vergeltung.“ Gerade diese Haltung macht ihr Buch so wertvoll: Es geht nicht um Schuldumkehr oder geschichtspolitischen Wettbewerb, sondern um die Sichtbarmachung einer unterbelichteten Erfahrung. Kwapis zeigt: Die Vergangenheit lässt sich nicht in eindeutige Kategorien aufteilen – weder auf Täter- noch auf Opferseite.

Perspektiven auf Erinnerung und Versöhnung: Die Botschaft des Buches

„Sie brachten uns die Freiheit“ ist keine einfache Lektüre – und will es auch nicht sein. Elisabeth Kwapis gibt jenen eine Stimme, die im Schatten der offiziellen Geschichtsschreibung stehen: den deutschen Zivilist:innen, die nach Kriegsende zu Opfern wurden – ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Geschichte wegen.

Was dieses Buch so wertvoll macht, ist nicht nur sein dokumentarischer Gehalt, sondern seine moralische Haltung. Kwapis verurteilt das NS-Regime ebenso, wie sie das Unrecht benennt, das ihr und anderen in der Nachkriegszeit widerfuhr. Sie verzichtet auf Schuldumkehr – und ruft stattdessen zu Empathie und historischer Gerechtigkeit auf. Ihr Appell ist aktuell wie eh und je: „Gerechtigkeit, an die du glaubst, gab es nicht und wird es niemals geben“ – ein bitteres Fazit. Aber vielleicht liegt genau in dieser Bitterkeit auch die Wahrheit einer Geschichte, die keine Sieger kennt – sondern nur Menschen.

Das Buch von Elisabeth Kwapis ist ein notwendiges Korrektiv zu einer Erinnerungskultur, die allzu oft selektiv funktioniert. Und es erinnert uns daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist – und nie nur den einen gegeben, sondern oft auch den anderen genommen wurde.


Der Roman erschien 2021 in zweisprachiger Ausgabe (Deutsch und Polnisch) in der Kleinen Bibliothek des VdG, ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln. Das Buch „Sie brachten uns die Freiheit“ sowie andere Werke sind beim Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) in Oppeln oder unter [email protected] erhältlich.

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